Immer mehr Pharmafirmen steigen aus der Entwicklung von Antibiotika aus

Viele Menschen gehen mit Antibiotika so sorglos um, als würden sie an Bäumen wachsen. Es reden ja auch immer alle von „Reserve-Antibiotika“ und von der Suche nach neuen Wirkstoffen. Das klingt beruhigend. Doch so ist es leider nicht. Selbst viele „Reserve-Antibiotika“ sind inzwischen quasi verbrannt und damit keine Reserve, sondern in einigen, glücklicherweise noch seltenen, Fällen wirkungslos. Die Suche nach neuen Substanzen ist aufwendig, extrem zeitintensiv und in den allermeisten Fällen nicht von Erfolg gekrönt. Erschwerend kommt hinzu, dass inzwischen viele forschende Pharma-Firmen an allem möglichen forschen – nur nicht an Antibiotika.

Warum forschen viele Pharma-Firmen nicht mehr an neuen Antibiotika?

Die unbequeme Wahrheit ist folgende: Die Entwicklung neuer Antibiotika ist finanziell nicht lukrativ. Bis ein neues Medikament (egal welcher Art) auf den Markt kommt, sind Jahre an Forschung und Entwicklung investiert, wurden Studien durchgeführt und Zulassungsprozesse durchlaufen. Es fließen oft mehrere Hundert Millionen in die Entwicklung neuer Antibiotika und viele Substanzen scheitern erst am Ende der Entwicklung, wenn diese Kosten alle bereits aufgelaufen sind. Pharmafirmen sind gewinnorientierte Unternehmen und keine Wohltätigkeits-Organisationen, die aus Menschenliebe heraus agieren.

Neue Antibiotika werden zunächst – aus Sorge vor Resistenzentwicklung und ebenfalls aus ökonomischen Gründen (neue Antibiotika sind in der Regel teuer) – von den Ärztinnen und Ärzten zurückhaltend eingesetzt. Selbst ein unglaublich wirksames Präparat wird also erst einmal sehr selten verschrieben. Und wenn es eingesetzt wird, dann nur bei schweren Infektionen. Dann ist die Erkrankung hoffentlich bald überstanden und der Genesene braucht dieses Antibiotikum vermutlich nie wieder. Mit sowas lässt sich selbst über den Preis des Medikaments kaum Geld verdienen. In vielen Fällen bekommt man damit nicht einmal die Kosten für die Entwicklung rein. Ergo: Für gewinnorientierte Unternehmen unglaublich unsexy.

Medikamente gegen chronische Erkrankungen dagegen, die die Patienten jahrelang schlucken, oder neue Krebstherapien bringen den Pharmafirmen ordentlich Gewinn. Das klingt bitter, vielleicht sogar zynisch, und ist unter einem moralischen Blickwinkel und im Hinblick auf die gesellschaftliche Verantwortung auf jeden Fall ein Graus. Wirtschaftlich gesehen ist es jedoch durchaus verständlich.

„Der Markt versagt“

So heißt es in einem Panorama-Bericht zu dem Thema aus dem Jahr 2019. Und das trifft den Nagel auf den Kopf. Die freie Marktwirtschaft wird allzu oft als das Allheilmittel gepriesen. „Der Markt reguliert sich selbst“, hört man gern, wenn die Politik sich nicht traut, die Industrie mit Regularien zu lenken. Doch wenn es um einen so undankbaren Job wie die Entwicklung von neuen Antibiotika geht, dann versagt der Markt. Die größten und reichsten Konzerne, die dadurch auch die besten Möglichkeiten hätten, viel Geld in ihre Forschung zu stecken, ziehen sich zurück. Zwischen 2000 und 2019 sind viele der Pharma-Riesen aus der Antibiotika-Forschung ausgestiegen. Unter anderem: Bayer, Lilly, Aventis, Abbott, AstraZeneca, Sanofi, Novartis und mit als letztes auch Johnson & Johnson. Und die Börse scheint es zu lieben. Bei Bayer und Novartis zumindest stiegen die Kurse unmittelbar, nachdem sie den Antibiotika den Rücken kehrten.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Es gibt ja zum Glück noch kleinere Firmen. Idealistische Bio-Technologie-Firmen, Start-Ups und natürlich auch einige Hochschulen, die sich dem Thema Antibiotika-Forschung widmen. Sie entwickeln oft interessante Moleküle, doch wenn es dann an die Durchführung der Zulassungsstudien geht und an die ganzen notwendigen Regularien, die erfüllt werden müssen, um das Medikament in den Markt zu bringen, reicht die Finanzkraft dieser Unternehmen nicht mehr aus. Im günstigsten Fall steigt dann einer der „Pharma-Riesen“ wieder ein, weil nun die Erfolgsaussichten besser einzuschätzen sind und damit auch das wirtschaftliche Risiko. Aber da selbst in diesem Entwicklungsstadium Rückschläge nicht selten sind und am Ende doch kein neues Antibiotikum auf den Markt kommt, scheuen viele Unternehmen auch diesen Weg.

Die Lösung liegt in unser aller Hände

Natürlich kann (und muss) man die Pharma-Konzerne an ihre gesellschaftliche Verpflichtung erinnern. Und vielleicht auch daran, dass sie keine Medikamente an chronisch Kranke mehr verkaufen können, wenn ihnen die Menschen an akuten Infektionen wegsterben.

Aber auch jeder von uns hat eine gesellschaftliche Verpflichtung: Die Ausbildung von Resistenzen gegen vorhandene Präparate so gut es geht zu verlangsamen. Denn selbst wenn die Pharma-Riesen wieder in Forschung und Entwicklung von Anfang an einsteigen, würden Jahre vergehen, eh neue Präparate auf den Markt kommen.

Wir müssen anfangen, nachhaltiger zu denken.  Das gilt gerade auch im Bereich der für uns alle oft lebenswichtigen Antibiotika.

 

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