Keime in Badeseen

Antibiotika-resistente Keime in Badeseen?

Ungetrübte Badefreuden? Seit einiger Zeit häufen sich Berichte über multiresistente Keime in Badegewässern. Doch wie kommen die Keime in unsere Badeseen und kann man trotzdem noch darin schwimmen? Ein Überblick.

Wo wurden multiresistente Keime in Badeseen nachgewiesen?

Nachdem im letzten Jahr in einem Fluss in Frankfurt multiresistente Erreger nachgewiesen wurden, ließ die Stadt alle ihre Gewässer untersuchen. Das Ergebnis: In allen Frankfurter Gewässern waren im vergangenen Jahr multiresistente Erreger vorhanden. Zu Beginn dieses Jahres ließ der Norddeutsche Rundfunk (NDR) Proben aus zwölf niedersächsischen Gewässern von Wissenschaftlern der Technischen Universität Dresden und des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung am Universitätsklinikum Gießen untersuchen. Auch hier konnten in allen Proben – zwei aus Badeseen – multiresistente Keime nachgewiesen werden. In Nordrhein-Westfalen gab der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Proben in Auftrag – wiederum auch aus Badeseen. Auch hier wurden die Forscher fündig.

Wie kommen die Keime ins Wasser?

Auf welchen Wegen die gegen Antibiotika resistenten Erreger in die Gewässer gelangen, ist bisher nicht restlos geklärt. Forscher vermuten, dass die Keime auf unterschiedlichen Wegen in die Umwelt gelangen, etwa aus der Landwirtschaft oder über die Abwässer aus Kläranlagen. Resistente Erreger könnten aus Ställen beispielsweise über Gülle auf Felder und so in die Umwelt gelangen. Auch Tiere wie Insekten, Vögel oder Hunde können die Keime verbreiten. Darüber hinaus sind Kläranlagen in Deutschland derzeit nicht darauf ausgerichtet, multiresistente Bakterien komplett aus dem Abwasser herauszufiltern. Das aufbereitete Wasser wird in Bäche oder Flüsse eingeleitet.

Studien zu dem Thema gibt es bislang in Deutschland jedoch nur sehr wenige. Auch kontrolliert keine Behörde die Gewässer systematisch auf das Vorkommen antibiotikaresistenter Erreger.

Um das Thema weiter zu erforschen, arbeiten derzeit Wissenschaftler verschiedener Universitäten in einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierten Projekt (HyReKa) zu der Frage zusammen, wie sich antibiotikaresistente Bakterien durch Abwasser verbreiten. Ziel sei es, „die Bevölkerung vor der Ausbreitung aus der Umwelt stammender Antibiotika-resistenter Erreger“ zu schützen, heißt es auf der Internetseite des Projekts. Es gelte herauszufinden, wie welche Resistenzen und Antibiotika in die Umwelt gelangen und wie hoch das Risiko ist, dass Bakterien von dort wieder zum Menschen gelangen. Das Projekt läuft bis Ende Januar nächsten Jahres.

Badesee

Ist das Baden in den Gewässern gefährlich?

Infektologen schätzen die Gefahren für gesunde Menschen eher gering ein. Viele der Bakterien, die bei den Tests gefunden wurden, würden bei gesunden Menschen häufiger auf oder im Körper vorkommen, ohne sie krank zu machen. Eine Ausnahme sind offene Wunden – zum Beispiel frische Tattoos. Durch die Schädigung der Haut geht eine wichtige Schutzbarriere des Körpers verloren – Krankheitserreger können in den Körper eindringen. Menschen mit einer großen offenen Wunde sollten aus diesem Grund besonders vorsichtig sein.

Haben Menschen ein extrem geschwächtes Immunsystem, ist ihr Körper Krankheitserregern ein Stück weit ausgeliefert. Bei ihnen könnte es beim Baden tatsächlich zu einer Infektion mit den Bakterien kommen.

Doch auch für Gesunde kann das Badevergnügen Folgen haben: Denn es besteht die Gefahr, als Träger multiresistenter Erreger zu einem späteren Zeitpunkt bei einer Operation oder einer Schwächung des Immunsystems eine Infektion durch die Erreger zu bekommen, die dann entsprechend schwer zu behandeln ist.

Zudem erhöht sich durch die weite Verbreitung multiresistenter Erreger das generelle Risiko, solche Keime zu erwerben und weiterzugeben. Je mehr multiresistente Keime in der Gesellschaft kursieren, desto stärker gefährdet sind Menschen mit einem geschwächten Immunsystem – vor allem Ältere, Erkrankte oder Neugeborene.

Werden Gewässer regelmäßig auf multiresistente Erreger untersucht?

Nein. Die Badewasserqualität wird zwar jedes Jahr untersucht. Dabei richten sich die Länder nach der EG-Badegewässerrichtlinie. Eine Untersuchung auf multiresistente Erreger ist danach nicht vorgeschrieben.

Wie kann man sich schützen?

Nach dem Baden in Seen sollte man sich mit Leitungswasser gründlich abwaschen. Kinder, die im Wasser geplantscht oder im Schlamm Burgen gebaut haben, sollten gründlich die Hände waschen. Wer ganz auf Nummer Sicher gehen will, sollte ins Hallen- oder Freibad gehen.

Was tut die Politik?

Angesichts der Funde von multiresistenten Erregern in Flüssen, Bächen und Seen fordert das Umweltbundesamt bessere Kontrollen der Gewässer sowie eine Nachrüstung der Kläranlagen in Deutschland. Kläranlagen sollten demnach mit einer sogenannten vierten Reinigungsstufe ausgestattet werden, die unter anderem Medikamentenreste aus dem Abwasser entfernen kann. Auch das Bundesumweltministerium sieht hier Handlungsbedarf. Sie will jedoch die Ergebnisse des Forschungsprojekts HyReKa abwarten.

Im Bundestag stand das Thema Mitte Juni auf der Agenda des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit. Die Sachverständigen kamen einhellig zu dem Ergebnis, dass noch erheblicher Forschungsbedarf bestehe. Damit fehle eine Grundlage, um mögliche Maßnahmen zu beurteilen.

Sind Infektionen mit multiresistenten Erregern behandelbar?

Die meisten multiresistenten Keime sind noch mit Antibiotika behandelbar, weil sie zwar gegen viele, aber nicht alle Mittel unempfindlich sind. In den USA gab es allerdings einen Fall, bei dem eine Patientin an einer Infektion mit Klebsiella-Bakterien starb, die auf kein Antibiotikum mehr ansprachen. Um solche Fälle zu verhindern, müssen Wege gefunden werden, dass sich multiresistente Keime weniger in der Umwelt verbreiten. Ein verantwortungsvoller Umgang mit Antibiotika trägt dazu bei.

Quellen: hessenschau.de, spiegel.de, ndr.de, tagesschau.de, mdr.de, wdr.de, bundestag.de

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