Die Auswirkungen der Coronapandemie auf die Antibiotika-Verordnung

Feuer bekämpft man am besten mit Feuer, heißt es. Der Vergleich hinkt in diesem Fall zwar nicht nur, sondern zieht ein wenig das Bein nach, aber dennoch: Durch die Coronapandemie ist die Anzahl der Antibiotika-Verordnungen massiv zurückgegangen. Gab es zu Beginn der Pandemie noch Meldungen, dass teils aus Hilflosigkeit oder Unkenntnis und teils zur Prävention von Begleiterkrankungen (z.B. der bakteriellen Lungenentzündung) Antibiotika bei der Behandlung von COVID-Patientinnen und ‑Patienten zu sorglos eingesetzt werden, zeigt sich jetzt, dass das Gegenteil der Fall ist.

Historisches Tief bei den Antibiotika-Verordnungen im 2. Quartal 2020

Die Daten des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) zeigen, dass mit Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland im März 2020 die Anzahl der Verordnungen regelrecht eingebrochen ist. Auch wenn die Zahlen danach wieder leicht steigen, bleiben sie deutlich niedriger als in den Jahren zuvor.

Schaut man in den ARE-Wochenbericht des RKI (ARE = akute respiratorische Erkrankungen, also akute Atemwegserkrankungen), der die ARE-Raten von 2017/2018 bis 2021/2022 vergleicht, zeigt sich der Grund: Mit Beginn der Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie gehen die ARE-Zahlen deutlich zurück und bleiben in der gesamten Saison 2020/2021 deutlich unter den Werten der Vorjahre. Erst im Sommer 2021 steigen die Zahlen wieder. Durch die hoch-ansteckende Omikron-Variante des Corona-Virus und die Reduzierung der Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie, erreichen die ARE-Raten jetzt langsam wieder das Niveau vor der Pandemie.

Schließungen von Schulen und Kitas sind nicht allein verantwortlich

Zwar ist der Rückgang der Antibiotika-Verordnungen im Vergleich zum Jahr 2019 in der Gruppe der Jüngsten (0-6 Jahre) mit ‑44 % am deutlichsten, jedoch geht er über alle Altersgruppen hinweg. Bei den 7- bis 18-Jährigen liegt er bei ‑35 %, bei der größten Gruppe der 18- bis 65-Jährigen ging die Anzahl der Verordnungen um 26 % zurück.

Es waren halt nicht nur die Schulen und Kitas, die geschlossen wurden. Auch Unternehmen schickten ihre Mitarbeitenden wo immer es möglich war ins Home-Office, Geschäfte wurden geschlossen, Events durften nicht stattfinden. Und dann waren da noch die Maskenpflicht, Kontaktbeschränkungen und die Hygiene- und Abstandsregeln.

Generell scheint sich ein Umdenken in der Arbeitswelt zu zeigen: Galt man früher als besonders eifrig und hart im Nehmen, wenn man sich trotz brachialem Husten und schniefender Nase zur Arbeit schleppte, droht einem heute die kollegiale Ächtung und man bleibt tendenziell doch lieber zu Hause.

Die ausgeprägten Winter-„Spitzen“ fehlen

Besonders eindrücklich zeigt sich an den Daten des Zi, dass die in den Vorjahren typischen Spitzen mit besonders hohen Zahlen von Antibiotika-Verordnungen in den Herbst- und Wintermonaten fehlen. Maskenpflicht und Abstandsregeln haben offenbar nicht nur dazu beigetragen, die Corona-Infektionszahlen einzudämmen, sondern haben auch andere therapiebedürftige Infektionen der Atemwege im Zaum gehalten. Aus eigenen Beobachtungen in meiner Praxis würde ich außerdem sagen, dass auch Magen-Darm-Infekte zurückgegangen sind.

Masken und Abstand – Ein Modell für die Zukunft?

Von der Politik verordnete Maskenpflicht und Abstandsregeln bleiben uns hoffentlich in der Zukunft erspart. Aber auf freiwilliger Basis? In vielen asiatischen Ländern gehörten Masken auch vor Corona zum Alltagsbild. Darüber hat die westliche Welt gerne mal gelächelt und es auf die Luftverschmutzung geschoben. Die Daten des Zi zeigen jedoch: Vielleicht sollte jeder für sich darüber nachdenken, ob zumindest dieses Learning aus der Pandemie Schule machen sollte.

Wenn wir alle in den Herbst- und Wintermonaten ein bisschen mehr Rücksicht aufeinander nehmen und eventuell auch ab und an zur Maske greifen würden, könnten die hohen Wellen von Atemwegsinfektionen vermieden werden – und mit ihnen zahlreiche, vermeidbare Antibiotika-Verordnungen.

 

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