Das Immunsystem stärken als Hilfe gegen resistente Erreger?

Die flotte Antwort: Grundsätzlich ja. Bakterien werden resistent gegen Antibiotika, nicht gegen die ausgeklügelten Mechanismen des Immunsystems. Ein starkes Immunsystem reagiert schnell und passgenau auf eine Infektion. Ist das Immunsystem geschwächt oder der Erreger zu aggressiv, wird es von dem Erreger überrollt – unabhängig davon, ob der resistent ist oder nicht. Nur, dass bei einem resistenten Erreger das Antibiotikum nicht wirken kann, das dem Immunsystem im Kampf helfen soll.

Resistenter Erreger in gesundem Körper

Ist das Immunsystem auf Zack, erkennt es die Eindringlinge und kann mit allen dafür nötigen Nährstoffen schnell in die Produktion von Antikörpern und eine koordinierte Immunantwort gehen. Es vernichtet dann meist auch Bakterien, die gegen Antibiotika resistent sind. Koordiniert ist dabei ein entscheidendes Stichwort, denn die Immunantwort muss sich gegen den fremden Organismus wenden, nicht gegen den eigenen. Und das bedeutet auch, dass die Immunantwort enden muss, wenn der Erreger bekämpft ist. Und auch das gehört zur Stärke des Immunsystems, die gerne vergessen wird: Dass es wissen muss, wann es wieder runterfahren kann.

Wer ein starkes Immunsystem hat, braucht seltener ein Antibiotikum. Das eigene Immunsystem zu stärken, gehört daher letztlich auch zu den Maßnahmen, die jeder dazu beitragen kann, um Antibiotika-Verordnungen und damit Antibiotikaresistenzen zu vermeiden. Wie aber stärkt man sein Immunsystem?

Guter Rat: Prääääpaaaraaaat?! Mit Nahrungsergänzungsmitteln das Immunsystem stärken?

Vielleicht schon an der überzogenen Überschrift erkennbar: eher nicht. Sorry. Vitamin C oder D, B12 oder E – viele Vitamine gelten als immunstärkend. Dazu gibt es dann auch noch diverse Präparate und Natur-Extrakte, die von Hinz und Kunz (teils auch von Dr. Hinz und Prof. Kunz) als Wundermittel zur Stärkung des Immunsystems angeboten werden.

Die Wahrheit ist jedoch, dass es quasi keine belastbaren Studien gibt. Natürlich muss der Körper mit allen notwendigen Nährstoffen, Vitaminen und Mineralstoffen versorgt sein, damit das Immunsystem richtig funktionieren kann. Und natürlich gibt es Menschen, die unterversorgt sind. Aber das sind verdammt wenige, die sich entweder unsäglich schlecht ernähren (sich eine ernstzunehmende Unterversorgung an irgendwas anzufuttern, ist in Mitteleuropa wirklich schwierig), oder an einer anderen Grunderkrankung leiden. Die meisten Präparate, die auf dem Markt angeboten werden, bleiben bei den meisten Menschen völlig wirkungslos und werden einfach wieder ausgeschieden. Sie helfen nicht, das Immunsystem zu stärken, sondern sorgen einfach nur für teuren Urin.

Und es ist offen gestanden gar nicht verkehrt, dass es kein Mittelchen gibt, was das Immunsystem mal schnell anschaltet und hochkurbelt. Denn ein überaktives oder überschießendes Immunsystems richtet sich auch gegen harmlose „Gegner“ oder den eigenen Körper. Wenn es zum Beispiel Pollen verprügelt spricht man von Allergien. Beginnt es, das Mobiliar zu zerschlagen, von Autoimmun-Erkrankungen.

Wie kannst Du Dein Immunsystem stärken?

Das Immunsystem ist stark! Seit Jahrmillionen ist es das perfekte System u.a. zur Bekämpfung von Viren, Bakterien und Pilzen. In den letzten paar Jahrhunderten legt der Mensch es einfach nur darauf an, sein Immunsystem konsequent zu schwächen. Die Hauptfaktoren dabei: eine ungesunde Ernährung, zu wenig Bewegung, zu wenig Erholung, zu viel Stress. Die Maßnahmen zur Stärkung des Immunsystems lauten daher:

Ernähr Dich gesund und ausgewogen. Dein Immunsystem besteht aus unsäglich vielen und völlig unterschiedlichen Zellen, die koordiniert zusammenarbeiten. Es braucht alle Nährstoffe, um Zellen und Antikörper zu produzieren und um kommunizieren zu können. Je breiter Dein Nahrungsspektrum ist und je weniger Verarbeitungsschritte die Nahrungsmittelindustrie übernommen hat, umso sicherer sind alle notwendigen Nährstoffe enthalten.

Bleib in Bewegung. Vermutlich muss es nicht zwingend Sport im schweißtreibenden Sinn sein. Vermutlich reicht einfach schon, regelmäßig spazieren zu gehen, um das Immunsystem zu stärken. Das ist nicht so ganz klar, denn um wirklich belastbare Aussagen treffen zu können, die mit Medikamentenstudien mithalten können, braucht es eigentlich randomisierte Doppelblindstudien – was so viel bedeutet wie: Die Teilnehmer werden zufällig auf Kontroll- und Test-Gruppe verteilt und weder Teilnehmer noch Ärzte wissen, wer in welcher Gruppe ist. Für gewöhnlich weiß man jedoch, ob man Sport getrieben hat. Placebo-Sport und Doppelblind ist da so eine Sache, für die es bislang noch keine Lösung gibt. Aber aus Beobachtungsstudien wird deutlich, dass Sport zwar vielleicht nicht unbedingt gesund macht, aber Bewegungsmangel krank.

Sorg für ausreichend Schlaf und Erholung. Das Immunsystem braucht nicht nur Nährstoffe, sondern auch Unmengen an Energie. Und „Bedenkzeit“: Ein Teil der Immunantwort passiert, während Du schläfst. „Sich gesund schlafen“ ist daher mehr als nur eine Bauernweisheit. Außerdem reagiert das Immunsystem sensibel auf Stress. Denn das Dauer-Stress-Hormon Cortisol unterdrückt das Immunsystem.

Grundsätzlich ist auch wichtig, das Immunsystem nicht zu „verzärteln“. Das will was zu tun haben und im Training bleiben. Der Einsatz von Desinfektionsmitteln im Haushalt gesunder Menschen ist daher nicht nur überflüssig, sondern tendenziell sogar eher schädlich.

Was all diese Tipps so unbeliebt macht und warum Menschen noch immer nach „dem“ Mittel suchen, mit dem sie ihr Immunsystem stärken können: Es ist ein Lifestyle, der das Immunsystem nur stärkt, wenn man es durchzieht. Tag für Tag. Das ganze Leben. Man muss nicht jeden Tag gesund essen und man muss auch nicht jeden Tag Sport treiben und man muss auch nicht jede Nacht gut schlafen. Aber eben doch an und in den meisten. Anstrengend, oder?

Fazit

Ein gesundes und starkes Immunsystem kann nicht nur generell dazu beitragen, die Verschreibungsnotwendigkeit von Antibiotika zu reduzieren, sondern hält selbst die meisten resistenten Keime in Schach. Triviales Allgemeinwissen? Nun ja, vielleicht – aber trotzdem essen die meisten in Hetze einen lecker schmeckenden, ungesunden Babsch, bewegen sich zu wenig, schlafen zu wenig und tun nichts gegen ihren Stress. Und die Hersteller von „Wundermitteln“ zur Stärkung des Immunsystems verdienen sich ein goldenes Näschen. Von daher lohnt es sich, das ganze ab und an noch einmal zu wiederholen.

 

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